Handeln überzeugt

Es war während der Spargelzeit vor ca. zehn Jahren. Ich besuchte Sybille, eine sehr gute alte Freundin. Wir kennen uns schon ewig. Sie lud mich in ihre neue Wohnung ein, südlich des Ruhrgebiets. Nach ihrer Scheidung war sie viel unterwegs aber
endlich auch wieder offen für wahre Freunde. Sie begrüßte mich überschwänglich an der Tür und ich war überrascht wie gut sie aussah. Stolz zeigte sie mir ihr neues Reich und ihr neustes Outfit. Sie war gut drauf und redete ohne Unterlass. Wir erinnerten uns an alte, coole Zeiten und hatten jede Menge Spaß.

 

Beim Zuhören rutschten meine Blicke auf die Berge ungespültes Geschirr und jede Menge Zeugs, was überall herum stand. Sybille redet von der Klarheit, die die Trennung ihr gebracht hat und lebte im Chaos. Ich war irritiert und wurde sofort unaufmerksam, sobald ich meine Blicke schweifen ließ. Alles war vollgestellt und viele Ecken in der Küche waren einfach unordentlich. Ich runzelte die Stirn und aß in Gedanken versunken ihr selbst gekochtes Spargelgericht. Als gute, langjährige Freundin spürte sie, dass ich über etwas nachdachte, aber es ergab sich keine passende Gelegenheit das Thema anzusprechen. Ich übernachtete bei ihr und schlief schlecht.

 

Am nächsten Morgen hatte Sybille einen frühen Termin und musste schnell weg. „Du kannst dir ruhig Zeit lassen", verkündete sie hektisch und verschwand. Ich hatte tatsächlich keine Eile, setzte mich an ihren Esstisch und begann einen Brief mit den Worten: „Liebe Sybille, der Besuch war wirklich schön, nur...." Dann stoppte ich.

Ich überlegte kurz, ging in die Küche, ließ heißes Wasser ins Spülbecken laufen und machte mich an den Abwasch. Drei Mal wechselte ich das Wasser und spülte alles was nicht niet-und nagelfest war. Auch die Abstellflächen, zwei Tische und der Herd bekamen eine Intensiv-Reinigung – und glänzten. Den ersten Brief zerriss ich, bedankte mich schlicht für die wunderbaren Stunden mit ihr und ging.

 

Bis heute glänzt ihre Küche und Wohnung, selbst wenn ich unangemeldet komme. Manchmal grinst sie mich frech von der Seite an, wenn ich beim Reinkommen allzu prüfend schaue.