Gute Begründungen - schlechtes Ergebnis

 

Thomas läuft durch Stuttgart und sieht einen Bettler auf der Straße sitzen. Er kann nicht erklären warum, aber er geht auf ihn zu und sagt: „Ich gebe Ihnen fünf Euro, wenn Sie mir eine Frage beantworten". „Einverstanden", antwortet der Bettler und schaut ihn erwartungsvoll an. „Warum sitzen Sie hier und leben als Bettler auf der Straße?"

 

Der Bettler runzelte die Stirn, überlegt kurz und sagt: „Ich habe meinen Job verloren. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Aus Scham und Frust habe ich mich komplett zurückgezogen." „Das kann ich gut nachvollziehen", entgegnet Thomas und empfindet Mitgefühl. „Daraufhin hat meine Frau mich verlassen". Die Augen des Bettlers schimmern feucht und er schnäuzt sich die Nase bevor er weiterredet. Thomas hält sich an einem Laternenpfahl fest. Die Traurigkeit des Bettlers spürt er beinahe körperlich. „Alkohol wurde zu meinem einzigen echten Freund. Dann kündigte mein Vermieter meine Wohnung und ich stand auf der Straße. Natürlich hatte ich ohne Job keine Chance auf dem ohnehin leergefegten Wohnungsmarkt eine neue Bleibe zu finden". Der Bettler sieht Thomas an und wartet auf ein bestätigendes Nicken. Für all seine Schritte hat er gute, folgerichtige Begründungen. „Schließlich", so fährt er fort, „brach ich mir das Bein, ging weder zum Arzt noch ins Krankenhaus, weil auch der Krankenversicherungsschutz futsch war. Seitdem habe ich jeden Tag Schmerzen. Arbeiten kann ich nun wirklich nicht mehr."

 

Die nachvollziehbaren Begründungen des Bettlers ziehen Thomas beinahe mit in den Abgrund. Er schüttelt sich, gibt dem Bettler das Geld und geht sehr schnell seines Weges. Er rekapituliert: Auch wenn jeder der vorgetragenen Schritte unvermeidbar schien, ist das Ergebnis am Ende grauenhaft. Obwohl jede Begründung in sich schlüssig ist, jedwede Begründung akzeptabel, logisch und plausibel klingt, kann am Ende doch etwas Saublödes herauskommen.

 

Thomas erinnert sich an seine vielen, wirklich guten Gründe, weshalb er durchs Abitur fiel und nichts dafür konnte. Nur dank des großen elterlichen Drucks hat er wiederholt, im zweiten Anlauf bestanden und konnte nun das studieren, wovon er immer geträumt hat. Disziplin statt Spaß war damals die Devise. Wer weiß wo er sonst gelandet wäre? Er schlendert an Schaufenstern vorbei und sieht auf einer riesigen Plakatwand in das strenge, aber gütige Gesicht einer älteren Dame. Irgendwie hat sie Ähnlichkeiten mit seiner Mutter ...