Einfach viel zu spät

Petra ist zu spät. Linke Spur auf der Autobahn, mit 180 km/ auf dem Tacho versucht sie wettzumachen, was nicht mehr aufholbar ist. Laut Navigationsgerät gewinnt sie damit gerade mal drei Minuten. Ihr Zuspätkommen beläuft sich aber auf über eine Stunde. Sie ist einfach viel zu knapp losgefahren.

 

Es ist kein lebensnotwendiger Termin, aber sie hat das Versprechen abgegeben zu einer bestimmten Zeit an einem verabredeten Ort zu sein. Sie ruft Ihre Freundin an und formuliert möglichst beiläufig ihre neue Ankunftszeit.

 

Petra bekommt ordentlich Gegenwind, als sie anfängt ihr Verhalten zu rechtfertigen. Ihr Gegenüber formuliert manchmal so schwammig, das Termine Auslegungsspielräume enthalten, wenn man nur spitzfindig genug danach sucht. Als sie diesen Strohhalm zu fassen bekommt, um doch noch Recht zu haben, wird das Telefonat sehr unangenehm.

 

Sie reißt sich zusammen, ruderte verbal zurück und fragt, ob der Termin lieber ausfallen soll. Ein knappes Nein ist die Antwort. Das Gespräch ist zu Ende. Petra atmet aus, verringert ihre Geschwindigkeit und wechselt auf die rechte Spur.

 

Wieso bringt sie sich immer wieder in unnötige Schwierigkeiten? Sie erinnert sich an den Anfang der Geschichte. Schon bei der Terminfestlegung hatte sie ein ungutes Gefühl, da sie bereits ahnte, dass es für sie sehr eng würde. Sicher war der Termin sinnvoll, aber auch kurzfristig.


Andere Pläne mussten daraufhin verschoben werden. Und Petra brauchte auch noch Zeit für Vorbereitungsarbeiten. Jetzt ist sie zwar halbwegs gerüstet aber zu spät. So gerne sie die Hauptschuld für dieses Termindesaster auf ihre Freundin geschoben
hätte, so genau erkennt sie ihre eigenen Anteile an dieser Situation.

 

Ihre Fähigkeit nicht den eigenen Gefühlen nachzugeben, sondern die Situation wertfrei zu analysieren macht sie ein bisschen stolz. Gleichzeitig ärgert sie sich. Sie hätte es im Vorfeld wissen können. Trotz Anfangskrise verläuft der Termin gut, effizient und wohlgelaunt.

 

Petra legt die Aufmerksamkeit auf den Grund ihres Treffens und nicht auf die versäumte Stunde. Das wirkt. Verlässlich sein steht nun ganz oben auf ihrer Liste der Dinge, die sie im Griff haben will.