Ein Ding der Unmöglichkeit

Ich verbrachte das Wochenende bei einem guten Freund. Er sagte mir, dass er sich sehr auf mich freue und, wenn ich schon mal da wäre, ihm ein bisschen zur Hand gehen könne. Er lege gerade einen Dachgarten an. „Kein Problem", entgegnete ich bereitwillig. Ein wenig körperliche Arbeit würde mir gut tun, denn ich saß zurzeit viel am Schreibtisch. Wir verbrachten einen angenehmen Abend. Gemeinsam mit einem Nachbarn begann er am nächsten Morgen jede Menge Folien und Stoffbahnen aufs Dach zu schaffen. „Hey, du kannst uns helfen", hörte ich von weitem seine Stimme,  „wir brauchen gleich Kies und Erde. Steht alles in der Einfahrt."

 

Ich sah kleine und große Säcke mit den entsprechenden Kiloangaben. 25 kg Kies und 50 Liter Erde. Motiviert nahm ich den ersten Sack Kies auf meine Arme und trug ihn 15 Stufen hoch und circa 20 Meter weit bis zum Eingang des Hauses. Ich ächzte. Der Kies war verdammt schwer. So ging das nicht. Die weiteren Säcke würden meinen Rücken und meine Gesundheit ruinieren. Ich organisierte eine Sackkarre und zerrte den ersten Plastiksack auf dieses Hilfsmittel. Langsam aber stetig zog ich die Karre rückwärts über die Stufen nach oben. So war es immer noch nicht leicht, aber machbar. Nach fünf Säcken war ich nassgeschwitzt und zog funktionalere Kleidung an.

 

Ich zählte die Säcke und begann zu rechnen. Wenn ich die Hälfte schaffe, hatte ich 250 kg transportiert. Nicht schlecht für das schwache Geschlecht. Nach der ersten Zielerreichung erwachte mein Ehrgeiz. Aufgeben war uncool. Ich machte weiter und setzte einen mentalen Haken nach 500 kg Transportgewicht. Nun stand ich, am Kopf kratzend, vor den 50 Liter Säcken. Diese Gewichtsklasse konnte ich nicht alleine auf die Karre hieven.

 

Die beiden Männer nahmen mein Problem nur flüchtig wahr. Sie dichteten das Flachdach ab. Aus alter Erfahrung weiß ich, dass es eine ganz schlechte Idee ist Männer bei der Arbeit zu stören und etwas von ihnen zu wollen. Statt wildem Aktionismus dachte ich nach. Alte Physikkenntnisse lieferten schließlich die Idee. Ich könnte die Schwerkraft einsetzen. Die beiden Holme, die zu den Griffen führen, nutzte ich als Rutsche. Ich stellte die Karre schräg an und zerrte den ersten Sack, noch ein wenig unbeholfen, Richtung Transportposition. Geschafft.

 

Das doppelte Gewicht merkte ich deutlich bei jeder einzelnen Stufe. Ich arbeitete langsam und fokussiert. Wie ein Roboter transportierte ich Sack für Sack vor die Haustür. Ich tat einfach nur, was zu tun war, ohne weiter darüber nachzudenken. Kurz vor Schluss bekam ich Unterstützung durch den Nachbarn. Er setze für fünf Säcke seine Schubkarre ein. In zweieinhalb Stunden beförderte ich 1.750 kg oder knapp zwei Tonnen mit einer Sackkarre 675 Stufen hoch.

 

Hätte man mir die Aufgabe im Vorhinein beschrieben, ich hätte sie erstens abgelehnt und zweitens als für mich unmöglich machbar bezeichnet. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben – dieses Sprichwort nehme ich in diesem Fall persönlich.

 

PS:

  • Ja, ich habe im Nachhinein die Anerkennung der beiden Männer bekommen.
  • Ja, ich hatte Muskelkater.
  • Nein, ich habe keine ernsthaften, körperlichen Schäden davon getragen.
  • Nein, ich bin für weitere Transportaufgaben nicht buchbar.
Die Original-Sackkarre für mein Unterfangen