Theorie und Praxis

Ich bin früh dran und entspannt, denn ich weiß, wo ich parken kann. Mitten in der Stadt gibt es damit oft Probleme. Nur bei diesem Kunden ist die hauseigene Parkgarage kaum belegt. Der freie Parkplatz ist quasi garantiert. Fünfzehnmal hat das im letzten Jahr perfekt geklappt.

 

Ich ziehe einen Parkschein und steuere siegessicher auf meinen Lieblingsparkplatz zu. Besetzt. Was ist heute los, denke ich und fahre langsam die Reihe belegter Stellplätze ab. Alles voll. Unwillig fahre ich durch den nächsten Gang und nehme stirnrunzelnd den dritten Gang, der mich zielsicher wieder zur Ausfahrt führt. Alle Parkbuchten sind belegt, obwohl ich einen Parkschein ziehen konnte. Bin ich heute blind? Meine Stirnfalte wird tiefer.

 

Ich fahre um die Ecke und sehe fünf freie Behindertenparkplätze direkt am Eingang. Schon früh hat man mir eingebläut: du kannst alles tun, aber stelle dich niemals  auf einen Behindertenparkplatz. Auf der anderen Seite glaube ich fest, einen Anspruch auf einen Parkplatz nahe am Eingang zu haben. Was tun?

 

Ich stelle mich auf den Behindertenparkplatz und gehe bepackt wie ein Maulesel zum Eingangsbereich der Behörde. Die Frau, dessen Blickkontakt ich als erstes bekomme, informiere ich über meine Parksituation. Ich habe kaum ausgesprochen, da erreicht mich ein entrüstetes: „Da können Sie auf keinen Fall stehen bleiben“. Auf die Frage, wo ich denn sonst parken könnte, bekomme ich eine schwammige Antwort. Ich bleibe ruhig und weiß, dass ich dort auf gar keinen Fall wieder wegfahren will. Während sie ihre Aufforderung  mehrmals vehement wiederholt und ich freundlich aber bestimmt widerstehe, warte ich auf eine Lösung.

 

Sie erscheint in Form einer zweiten Empfangsdame, die ich in der Vergangenheit nicht nur höflich, sondern bei einem Versehen  auch großzügig behandelt habe. Sie notiert mein Kennzeichen und eine Telefonnummer  und löst damit elegant das Problem.

 

Um eine reale Erfahrung reicher gehe ich beschwingt in den Seminarraum. Das heutige Thema lautet: Deeskalation.

 

Welche theoretischen Grundsätze und Annahmen stecken in dieser kleinen wahren Geschichte, die auf ähnliche Situationen übertragbar sind?

  1. Wenn wir mal etwas zugestanden oder bekommen haben, entwickeln wir schnell eine Anspruchshaltung. Ein Wiederwegnehmen oder eine Verknappung können wir nur schwer ertragen und reagieren tendenziell aggressiv.
  2. Eine Lösung, die wir uns vorstellen können bzw. zu der wir ein Bild entwickelt haben ist stärker als ein rein theoretischer Ansatz.
  3. Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Ein freundliches Bestehen auf unsere Forderung ist eine alte strategische Maßnahme. Sie nennt sich auch: Schallplatte mit Sprung.
  4. Gute Beziehungen zahlen sich aus. Dazu gehört ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen.

 

Informationen zu meinen Deeskalationsseminaren finden Sie hier